Ruhe in Frieden, Big Daddy

(Foto: Laurel/Laurel/Kobal/Rex/Shutterstock)

 

Zum Gedenken an George A. Romero

 

Gestern Nacht erreichte mich kurz vor dem Zubettgehen die traurige Nachricht, dass George A. Romero mit siebenundsiebzig Jahren von uns gegangen ist. Horrorliebhabern muss ich wohl kaum erklären, wer Romero war. Trotzdem möchte ich hier seine Filme, sein Leben und seine persönlichen Einflüsse, die die Filme auf mich machten, nochmals kurz aufleben lassen.

 

Der junge Nachwuchsfilmemacher erschuf 1968 mit seinem Debüt Night Of The Living Deadeinen Film, der dem Publikum das nackte Fürchten lernte und der das Horrorgenre bis heute nachhaltig beeinflussen sollte. Ich glaube, noch nie wurde bisher Horror so anschaulich gezeigt wie bei diesem Streifen. Wandelten die Zombies, bis anhin meist durch einen Voodoo-Zauber fügig gemacht, über die Leinwand, was in den frühen Zombiefilmen wieWhite Zombie(1932) zum ersten Mal zum Ausdruck gebracht wurde, wo sich die Zombies durch Rache getrieben am Menschen Vergeltung übten, zeichnete Romero mit diesem Film den klassischen Zombie auf, wie wir ihn heute kennen. Der Schwarz-Weiss-Streifen Night Of The Living Dead“, der Jahre später eine farbige Hommage erfahren durfte, war der Glockenschlag, der das SubgenreZombiefilmauf eine neue Stufe setzte. Entsetzte Zuschauer starrten ob des Grauen gebannt auf die Kinoleinwand, wo sich Horden von Zombies an menschlichen Gedärmen und Körperteilen gütlich taten. Der Zombie war entfesselt und nicht mehr zu zügeln und schlug seine fauligen Zähne in das pulsierende Fleisch unserer Verwandten, Bekannten, Nachbarn und Arbeitskollegen, die alsdann ebenso verwandelt als lebende Tote auf die Erde zurückkamen, um uns zu sich zu holen.

 

Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kehren die Toten auf die Erde zurück“, so der Satz, der das Kino- und Videocover des zweiten Teils der Dead Trilogie Dawn Of The Dead (1978) zierte. Erklärt wurde das Phänomen der Auferstehung der Toten bei George A. Romero stets nur am Rande und so hatten die Antwortsuchenden mit diesem Satz wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt, woran sie sich festhalten konnten.

 

Inzwischen hatte der aufstrebende Romero mit Season Of The Witch (1972), Crazies (1973) und Martin (1977) drei Nicht-Zombiefilme veröffentlicht, welche die Thematik von Okkultismus und Vampirismus aufgriffen, wobei Crazies an seiner Grundthematik von Postapokalyptik und Anarchismus am nahestehen kam, welcher eine Endzeit beschrieb, in der die Menschen von einer Krankheit befallen wurden, die sie in blutrünstig-mordende Psychopathen verwandelten. Die Filme waren kommerziell relativ erfolglos, ernteten aber durchwegs gute Kritik. Crazies durfte 2010 unter der Regie von Breck Eisner und der Produktion von George A. Romero eine Neuverfilmung erfahren.

 

Sein wirkliches Steckenpferd waren aber die Zombies, die eben mit Dawn Of The Dead unserer Privatsphäre und Realität bedrohlich nah kamen und unsere Kaufhäuser in Beschlag nahmen. Ich kann mich noch wie gestern daran erinnern, als ich, unbescholtene zehn-elf Jahre alt, bei meinem heutigen Schwager den Streifen zu sehen bekam und mir vor Angst fast in die Hose schiss – 1982 waren wir noch nicht so sensibilisiert auf Zombies, wie es heutzutage der Fall ist, wo bereits im frühen Abendprogramm Zombies durch das Fernsehprogramm schlurfen. Ab da an sah ich Einkaufscenter immer in einem anderen Licht und vermutete hinter jedem Gestell einen bluttriefenden Zombie und stellte mir vor, wie es wäre, wenn hier und jetzt eine Horde Zombies die Einkaufsidylle stören würde. Einen nachhaltigen Schaden habe ich davon trotzdem nicht davongetragen (Lebenszeitgenossen werden euch da vielleicht etwas anderes erzählen). War aber der erste Schock des damals wohl brutalsten Films aller Zeiten erstmals überwunden, konnte ich von diesem Genre nicht genug kriegen. Dawn Of The Dead machte mich hungrig auf neuen, ähnlichen Stoff, den ich mit Filmen wieTanz der Teufelstillen konnte, der ein ebenso leuchtendes Beispiel dafür ist, wie man mit wenig Budget in der Tasche überragende Filme machen kann. Dawn Of The Deadwurde zum Klassenschlager in den Kinos und erstmals konnte George A. Romero etwas mehr Gewinn als sonst mit diesem Streifen einstreichen. Trotzdem widmete er sich mitKnightriders (1981) einem komplett anderen Genre, kehrte aber mit der Comicverfilmung zu Creepshow (1982) alsbald wieder als Regisseur von Horrorkurzfilmen zurück, bevor er mitDay Of The Dead(1985) den vorerst abschliessenden Teil der Dead-Trilogie abdrehte.

 

1988 betrat Romero mitMonkey Shineswieder ein ungewohnt anderes Terrain seines Filmschaffens, verfilmte zusammen mit Dario Argento inTwo Evil Eyes(1990), die auf Edgar Allan Poe basierende Episodenerzählung, zollte mit der Verfilmung zu Stephen Kings Stark(1993) seine Anerkennung zum bekannten Schriftsteller (Stephen King selbst fand ebenso Einzug als Easteregg inDay Of The DeadEinzug, indem der als Versuchsobjekt herzuhaltende Zombie Bub Stephen Kings BuchUnd brennen muss Salemzerfledderte).

 

Nach dem gefloppten Film Bruiser (2000) kehrte Romero wieder zu dem zurück, wofür er bekannt wurde und führte Regie- und Drehbuch bei den in zeitlicher Regelmässigkeit erschienenen Filmen Diary Of The Dead (2007) und Survival Of The Dead (2009), nachdem er mit Land Of The Dead genau zwei Jahrzehnte später aus der Dead Trilogie eine Tetralogie machte.

 

Was George A. Romeros Horrorfilme nebst seiner atmosphärischen Dichte so auszeichnete, war der stetige Bezug zur Realität. In seinen Filmen hatten zwar Horden von hungrigen Zombies ihre Auftritte, diese verblassten aber immer mehr zu einer Nebenhandlung, je mehr der Film-Plot voranrückte. Die Zombies waren in seinen Filmen nie die wahre Bedrohung, denn das echte Monster lauert in uns selbst. Die Menschheit braucht keine epidemische Bedrohung – Zugrunderichten können wir uns auch sehr gut alleine.

 

Obwohl George A. Romero mich bei meiner ersten filmischen Begegnung zutiefst erschreckt hat, hinterlässt er bei mir den nostalgischen Nachgeschmack, den ich heutzutage bei den gegenwärtigen Horrorfilmen oft so vermisse.

Für mich gilt George A. Romero als der Godfather des Zombiefilms.

 

Nun Ruhe in Frieden und auf Ewig, Big Daddy…

(Text by Pink)

 


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