Genie und Wahnsinn

THE HIRSCH EFFEKT

Albumtitel: Eskapist

Genre: Mathcore, Progressive Metal

Label: Long Branch Records

Anzahl Tracks: 12

Dauer: 61 Minuten

 

Da staunt der Hirsch! Bei den Hannover-Jungens von THE HIRSCH EFFEKT scheint kein Ding unmöglich. Nach dem Abschluss der „Holon“-Trilogie dehnt das Trio ihren musikalischen Kosmos noch mehr aus. An die Grenzen des Unmöglichen stossen sie dabei aber noch lange nicht. Bei all dem Wahnsinn, dem „Eskapist“ auch inne wohnt; THE HIRSCH EFFEKT sind keine Musik-Soziopathen, sondern für weitaus mehr Gefühl fähig, als es den ersten Anschein macht. Man muss seine Patienten kennen, um sich ein Urteil über sie zu fällen. Bei THE HIRSCH EFFEKT sind mehrere Sitzungen unabdingbar, um nur annähernd zu verstehen, was in diesen Köpfen abgeht. Hier trifft sprichwörtlich Genie auf Wahnsinn.

„Eskapist“ vereint atmosphärische Tiefe mit manischen Achterbahnfahrten – man wird regelrecht süchtig danach – jede Fahrt fühlt sich wieder anders an. Und THE HIRSCH EFFEKT finden bei ihrem verrückt-wahnwitzigen Unterfangen sogar noch die Zeit, lyrische Denkanstösse und Statements zu Hauf abzugeben: Ironie und Zynismus, politische Seltsamkeiten („Aldebaran“) und deren gegenwärtige ernstzunehmenden Auswüchse aus rechtspopulistischen Entwicklungen, die in der Welt wieder Form annimmt („Berceuse“), über die gesellschaftlichen Abgründe des Alkoholismus („Lysios“), hier wird vieles angesprochen – und das auf künstlerisch sehr hohem Niveau.  

Zu den Hochgeschwindigkeits-Frickel-Etappen und den psychotischen Schüben, die sich irgendwo im Kosmos von The Dillinger Escape Plan und Mr. Bungle treffen (man muss dem Ganzen schliesslich irgendwie eine Diagnose stellen), gesellen sich zur allgemeinen Freakshow immer wieder sensiblere-melancholischere Klänge zum runterkommen, oder mal wird mit Jazz oder auch durch etwaige Elektronik dem Erlebnis der Platte nachgeholfen. Langweilig wird es bei „Eskapist“ ganz sicher nicht.

10/10 Punkte

(Text by Pink)

 


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